Jürgen Lenssen

Vai sul sito in Italiano Site in English

Musée Arts et histoire, Bormes Les Mimosas. Côte d'Azur, France

Der Baum und das Viereck

Musée Arts et histoire, Bormes Les Mimosas. Côte d'Azur, Frankreich, Juli 2008

Domkapitular Dr. Jürgen Lenssen Dieser Titel der Ausstellung von Werken des Künstlers Gaetano Fiore lässt aufhorchen, wird doch in ihm vermeintlich Gegensätzliches miteinander verbunden. Der Baum weckt Assoziationen von Wachsttum, Ausweitung, durchdrungenem Freiraum, während das Viereck

auf die Symbolik der Zahl Vier verweist und dadurch Einschränkung, Einbindung in einen fest umrissenen Raum beinhaltet.

Mit dieser Zahl als Grundmotiv wurden symbolisch die Welt und die Zeit mit ihren vier Himmelsrichtungen, ihren vier Jahreszeiten und den vier Elementen erfasst. Der dadurch abgesteckte Raum mit seinen Begrenzungen, wozu auch die Zeit zu zählen ist, ist doch ihr Wesen der Tod, steht im Gegenüber zu Ewigkeit, Freiheit und Leben. Im Blick auf die religiöse Dimension stehen die Vier bzw. das Quadrat für die Immanenz, die Endlichkeit, den Menschen und seine Welt. Demgegenüber bedeutet der Ausbruch aus dem Vierersystem bzw. aus einer Quadratur eine Überwindung der innerweltlich gesteckten Grenzen.

Der Mensch ist von Anfang an auf seine Welt verwiesen, was nach Augustinus im Namen Adam seinen Ausdruck findet. In seiner mystischen Deutung des Namens sieht er Adam als Zusammenstellung der Anfangsbuchstaben der griechischen Bezeichnungen für die vier Weltgegenden: Anatole = Osten, Dysis = Westen, Arktus = Norden und Mesembria = Süden. Damit ist der Gegenüberstand des Menschen zu einem ewigen, grenzenlosen, nicht erfassbaren Gott für ihn allein schon im Namen des ersten Menschen ausgesagt.

Jede Einengung, jede Einbindung drängt aber danach, die gesetzte Grenze zu überwinden. Wenn wir im biblischen Kontext der Schöpfungsgeschichte bleiben wollen, äussert sich dieses Verlangen im Sündenfall, im menschlichen Drang, Gott gleich sein zu wollen und nicht auf einen eingegrenzten Lebensraum beschränkt sein zu müssen.

Dass dieser vom Menschen gesuchte Ausbruch gerade durch den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen geschieht, unterstreicht das biblische Spannungsverhältnis von Vier und Baum, das dadurch aufgehoben wird, dass der Baum der Erkenntnis sich zu einem Baum des Todes wandelt und somit der Vier als Zahlensymbol der Einschränkung und Endlichkeit zugeordnet wird.

Ich weiss nicht, ob diese Überlegungen dem Künstler bewusst waren. Ich glaube es fast nicht, vollzieht er doch meines Erachtens den biblischen Symbolwandel vom Baum der Erkenntnis zum Baum des Todes allem Anschein nach nicht, sondern lenkt den Blick des Betrachters geradewegs auf den Gegenüberstand von der einschnürenden Form des Quadrates und der freien des wachsenden, sich ausweitenden Baumes.

Dadurch wird aber in der Werkbetrachtung der dem Menschen eigene Zwischenstand, sein Leben zwischen Zeit und Ewigkeit, Eingrenzung und Freiheit, Tod und Wachstum vor Augen geführt. Gaetano Fiore lässt den Baum zum Vorboten des Kosmischen werden und zur Hand, die danach greift, zumindest als Vermittler zwischen Himmel und Erde. Die Erde – symbolisiert im Quadrat – wird vom Himmel – dank des Baumes – durchdrungen. Den Gegenüberstand der Endlichkeit und Ewigkeit, von Tod und Leben überbrückt der Baum und lässt ein Aufeinanderzu wie zugleich ein Miteinander sichtbar, erhoffbar werden. Die zuweilen vom Künstler gewählten Doppelungen – des Quadrats und Baumes – werden zum Ausdruck der Intensität gehegter Hoffnung auf Beendigung des Gegenübers und der Ausgrenzung eines Brückenschlages zwischen Immanenz und Transzendenz.

Die Werke von Gaetano Fiore sind nicht vordergründig religiös thematisierte Werke. Aber hintergründig, hinter der ihnen innewohnenden Symbolik – und durch sie lesbar – lassen sie eine den Menschen seit Anbeginn bewegende und antreibende Hoffnung sichtbar werden, die für Adam ebenso Triebkraft war wie für Ikarus und für jeden Menschen zu jeder Zeit: heraus aus der Eingrenzung von Zeit und Raum und den lebendigen Spuren zu folgen, die am Baum und durch ihn erkennbar sind. Spurensuche, Lebenssuche stehen in den Werken von Gaetano Fiore vor Augen, der unübertreffliche Wunsch, am kosmischen Leben in und ausserhalb der Welt und sie in ihrer Grenzziehung überwindend teilzuhaben.

Ein Wunsch nach der Wahrheit des Lebens, die solange geleugnet wird, solange das Leben nur als Summe der Jahre in dieser Welt, auf dieser Erde gesehen wird. Die wahre Dimension des Lebens ist grenzüberschreitend und auch dort angesiedelt sowie verwurzelt, wo die überzeitliche Wahrheit beheimatet ist. Verweist nicht gerade die in den präsentierten Werken immer wiederkehrende Farbe Blau in ihrer Symbolik darauf? Und ebenso das Rot, das in seiner Symbolik für die Innigkeit der Lebensliebe steht, für die intensive Begierde nach Leben?

Gaetano Fiore legt mit seinen Bildschöpfungen Lebensspuren, lenkt durch sie unsere Lebenssuche und -sicht und will sich und uns das Leben gewinnen lassen. Somit wiederholt sich für mich die Erfahrung mit seinen Bildwerken und durch sie, die mir schon bei der ersten Begegnung mit ihnen vor Jahren in Würzburg geschenkt wurde. Ich erlaube mir, alle Betrachter einzuladen, um ihrer selbst willen sich auf diese Entdeckung, die Gaetano Fiore bereithält einzulassen. Sicherlich werden sie gleich mir dafür dem Künstler gegenüber tiefen Dank verspüren wie auch die Hoffnung, darin nicht abzulassen, auch in seiner weiteren künstlerischen Entwicklung sich als Künder dessen zu erweisen, was zu erfahren uns mit alleiniger Weltbezogenheit versagt bleiben wird.

— Domkapitular Dr. Jürgen Lenssen

Bau- und Kunstreferent der Diözese Würzburg

Zugehörige Artikel

© 2007-2021 Gaetano Fiore. Alle Rechte vorbehalten.